Gestohlene Jobs

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Hat Deutschland im Euro-System die französischen Arbeitsplätze gestohlen und ist es der große Profiteur des Euro?

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Reservewährungen

Vor dem Euro-System war die Deutsche Mark die wichtigste europäische Reservewährung. Reservewährungen werden per Definition stark nachgefragt: Man kauft sie und behält sie als Reserve, als Sicherheit oder als Anlage. Wenn eine Währung stark nachgefragt wird, wertet sie regelmäßig auf. Für etablierte Industrien ist das oft schwierig, weil sich so im internationalen Vergleich ihre Arbeitskostensituation verschlechtert. Aufwertungsländer müssen überdurchschnittlich stark strukturellen Wandel aushalten. Für neue und innovative Unternehmen ist diese Situation dagegen hilfreich, weil internationales Anlagekapital in das Aufwertungsland fließt und deshalb Kredite einfacher und billiger zur Verfügung stehen als in anderen Ländern. Sie können leichter in Maschinen, Forschung und Entwicklung investieren als Unternehmen in anderen Ländern. Gesamtgesellschaftlich führt der Optimierungsdruck der Aufwertungsländer zu Wohlstandsgewinnen – diese sind jedoch ungleich verteilt und es gibt auch Verlierer.

International entsteht so eine Spezialisierung. Aufwertungsländer spezialisieren sich hin zu innovativen und kapitalintensiven Industrien während Abwertungsländer durch Kostenvorteile bei den Arbeitskosten punkten können und so ältere, weniger spezialisierte und arbeitsintensivere Industrien an sich ziehen können.

Vor dem Euro hatte Deutschland die Rolle eines Reservewährungslandes mit regelmäßiger Aufwertung und starkem Druck zur Innovation. Frankreich lag eher im europäischen Mittelfeld und Südeuropa hatte sich auf arbeitsintensive Industrien und regelmäßige Abwertung eingestellt. Messbar ist eine solche Spezialisierung durch die Preiselastizität der Produkte. Dieser Wert gibt an, wie die Nachfrage nach einem Produkt auf eine Änderung des Preises reagiert. Deutsche Waren sind weniger preiselastisch als französische weil sie eine höhere Spezialisierung haben. Auch die Investitionsquote (Private Investitionsquote ohne Wohnungsbau) spiegelt die Entwicklung wieder. Während sie in Südeuropa nach der Euro-Einführung anstieg, ging sie in Deutschland Anfang der 2000er Jahre zurück.

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Der Euro ändert die Kapitalströme

Mit dem Euro wurde diese Arbeitsteilung aufgegeben. Warum? Der Euro war eine implizite politische Garantie der Politik für die Investitionen der Banken. Vor dem Euro hinderte die Gefahr der Abwertung deutsche Banken an der Investition im Ausland, insbesondere in Südeuropa. Nach der Euro-Einführung investierten die Banken und andere Anleger ihr Geld lieber in Südeuropa, zumeist in Staatsanleihen, als in Unternehmen in Deutschland. Für Staatsanleihen müssen Banken kein Eigenkapital vorhalten, weil sie aufgrund der politischen Definition als „sicher“ gelten. So sie konnten so ihre Bilanzen aufblähen und die Eigenkapitalrendite erhöhen. Wer erinnert sich nicht an Josef Ackermanns Forderung von 25% Eigenkapitalrendite im Jahre 2003?

Der Übermut hatte in diesen Jahren nicht nur Ackermann erfasst. Er ist nur das bekannteste Beispiel für eine Generation von Bankern, die die Eigenkapitalregeln nutzen wollten um das schnelle Geld zu machen.

Besonders dramatisch ist das Beispiel vieler Landesbanken, deren Aufsichtsräte politisch besetzt waren: Die Politik hat unsinnige Eigenkapitalregeln für Staatsanleihen geschaffen, um sich billiger Geld leihen zu können. Diese Regeln verleiten Anleger wie z.B. Banken dazu, in Staatsschulden und somit meist gesellschaftlichen Kapitalkonsum zu investieren anstatt in die produktive Privatwirtschaft. Nach der Euro-Einführung sorgten diese Regeln und die politische Klasse in den Aufsichtsräten der Landesbanken dafür, das in Deutschland dringend benötigte Kapital ins europäische Ausland zu transferieren.

In der Folge der Euroeinführung hatte die deutsche Wirtschaft, insbesondere der innovative Mittelstand, Finanzierungsschwierigkeiten. Deutschland erlebte kurz nach der Euro-Einführung eine schwere Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit. Gleichzeitig verschuldete sich Südeuropa massiv und es bildeten sich Blasen am Immobilienmarkt.

Nachdem der europäische Innovationsmotor Deutschland ins Stocken geriet, war die deutsche Reaktion auf den Kapitalmangel die Übernahme der traditionellen Rolle Südeuropas: Deutschland senkte im internationalen Vergleich seine Lohnkosten. Ein Land mit Kapitalmangel punktet mit niedrigen Arbeitskosten und alten Industrien. Die deutsche Autoindustrie beispielsweise, die in den Neunzigern Marktanteile u.a. an die preiswerteren Franzosen verloren hatte, wurde wieder stärker.

Südeuropa war in keiner Weise darauf vorbereitet, im Euro die Rolle des europäischen Innovationsmotors übernehmen zu müssen. Anders als die Deutschen wußten die Südeuropäer mit dem Kapital nichts Sinnvolles anzufangen. Trotzdem konnten sie den niedrigen Zinsen im Euro nicht wiederstehen, steckten das Kapital in Löhne, Pensionen oder oftmals unsinnige öffentliche Infrastrukturprojekte. Gerade der politischen Ebene dieser Länder muß man einen Vorwurf machen – aber welcher demokratisch gewählte Politiker würde schon billiges Geld ablehnen, mit dem sich Wahlgeschenke verteilen lassen? Nach dem Platzen der Blase versagte Südeuropas Wirtschaftsmodell.

Hat Frankreich also Recht, wenn die dortigen Politiker die deutsche Niedriglohnpolitik verurteilen? Ja, Deutschland hat sie die Arbeitsplätze durch Niedriglöhne geholt. Aber nicht freiwillig. Der Euro, der Traum wirtschaftlich überforderter Politiker wie dem französischen Sozialisten Mitterrand oder dem Deutschen Helmut Kohl, hat Deutschland in diese Rolle gezwungen, und das Euro-Drama verursacht.

Leider haben die europäischen Politiker bis heute nicht begriffen, was das Problem ist. Nach wie vor fordern sie Deutschland auf, seine Überschüsse in Südeuropa zu investieren. Dieses Experiment ist schon einmal fehlgeschlagen. Südeuropa ist auch heute nicht bereit, diese Gelder sinnvoll zu investieren. Es ist deshalb auch lange überfällig, die Eigenkapitalbefreiung von Staatsanleihen aufzuheben.


Ist Deutschland mit seiner Exportstärke trotzdem der große Profiteur des Euro?

Ländern mit einer Reservewährung fällt es zumeist schwer, eine positive Leistungsbilanz zu erreichen. Die Nachfrage nach der Währung sorgt für Aufwertungen und Kostendruck. Gleichzeitig wird die Kreditaufnahme und das Leben auf Konsum erleichtert. Die USA sind mit der Leitwährung US-Dollar das beste Beispiel.

Von einer negativen Leistungsbilanz ist Deutschland weiter entfernt als je irgendein Land zuvor in der Wirtschaftsgeschichte. Noch nie hatte ein Land eine so positive Leistungsbilanz wie Deutschland sie aktuell hat, nämlich im Bereich von 8% BIP. Deutschland verhält sich wie ein Abwertungsland, typischerweise die Rolle von Schwellenländern wie China. Was bedeutet das konkret? Normalerweise profitieren Aufwertungsländer von ihrer Rolle. Sie bekommen Waren aus dem Ausland und zahlen dafür mit Papiergeld oder ein paar Nullen und Einsen im Computer. Aufwertungsland zu sein erhöht den Wohlstand, sofern die Nachfrage nach der eigenen Währung, die Aufwertung und die Geschwindigkeit des strukturellen Wandels verkraftbar bleiben.

Deutschlands Rolle ist genau umgekehrt. Es profitiert nicht von seiner Stärke, sondern darf weit mehr Waren und Dienstleistungen an das Ausland liefern als es bekommt. Im Gegenzug erhält es Papier bzw. digitale Nullen und Einsen aus den Druckmaschinen der EZB oder der US-Notenbank. 8% der Leistung Deutschlands gehen in das Ausland ohne einen realen aktuellen Gegenwert.

Staaten, die eine Reservewährung kaufen, wie beispielsweise den Schweizer Franken, können zumindest davon ausgehen, daß sie in der Zukunft einen realen Gegenwert erhalten. das ist ja auch die Rolle einer Reservewährung. Man kauft die Währung eines starken Landes, das man in der Zukunft als zahlungskräftig einschätzt. Im Falle Deutschlands ist es genau umgekehrt. Deutschland gibt seine Waren an wirtschaftlich schwache Länder wie Italien, Frankreich, Griechenland oder Portugal. Mit einer Rückzahlung, dem späteren Erhalt eines Gegenwertes, ist nicht zu rechnen.

Während Aufwertungsländer ausländisches Kapital bei sich investieren oder es konsumieren, exportiert Deutschland Kapital und lebt von seiner Substanz. Die soziale Dividende der Aufwertung ist verloren. Deutschland hat kein Geld für eine vernünftige Familienpolitik, kein Geld für Steuersenkungen und kein Geld für Infrastruktur. Die öffentlichen Ausgaben für Infrastruktur sind im Vergleich aller Industrieländer außergewöhnlich niedrig – die öffentliche Infrastruktur verrottet in einer Größenordnung von ~30 Mrd. Euro pro Jahr. Währenddessen werden durch die kalte Progression die Steuern der Menschen hier regelmäßig angehoben. Der Euro ist für Deutschland eine epochale Katastrophe.

Wie kann eine vernünftige Zukunft aussehen?

Europa müßte wieder zu einer vernünftigen Spezialisierung zurückfinden. Damit sich die Länder der Eurozone nicht gegenseitig kannibalisieren, muß irgendwo eine produktive Mischung aus Anpassungsdruck und Verfügbarkeit von Kapital entstehen. So kann am ehesten Innovation geschehen und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Für diese Rolle wäre Deutschland immer noch am besten geeignet. Eine solche Spezialisierung kann am einfachsten durch flexible Wechselkurse erreicht werden. Dann fließt wieder Kapital nach Deutschland, welches die Rolle des Innovationsmotors übernehmen kann. Es würde wieder zu einem der reichsten Länder Europas werden, aber auch starken Strukturwandel aushalten müssen. Vielleicht würden zukünftige Generationen von Franzosen nach dem gescheiterten Euro diese Verteilung leichter akzeptieren können als einst Mitterrand es konnte.

Ähnliche Schwierigkeiten sehen wir übrigens in den USA. Die kontinuierliche Aufwertung des Dollar betrifft die gesamten USA. Für moderne und kapitalintensive Industrien wie beispielsweise im Silicon Valley ist diese Aufwertung ein großer Vorteil. Sie profitieren von der leichten Verfügbarkeit von Kapital. Für traditionelle Industrien in anderen Teilen des Landes ist der starke Dollar dagegen ein großes Problem. Wir sehen das Ergebnis an den Präsidentschaftswahlen: Das Silicon Valley stimmte für Clinton und die Arbeiterklasse des Rust Belt unterstützte nicht wie traditionell die Demokraten sondern den Republikaner Trump. Für einen so heterogenen Wirtschaftsraum wie die USA ist eine Einheitswährung nur bedingt geeignet. Die Zukunft wird vermutlich kleinere und dezentralere Währungen erfordern, mehr Bürgernähe und regionale Verantwortung. Wir müssen nach dem Euro darüber diskutieren ob Bayern eine andere Währung haben sollte als Berlin und ob Süditalien eine andere Währung haben sollte als Norditalien. Mit Hilfe von Smartphones, digitalen Geldbörsen oder virtuellen Tauschplattformen für Währungen wäre so ein Schritt heute technisch kein Problem mehr. Zur Abwicklung großer internationaler Warenströme könnte man dann Korbwährungen verwenden.

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